Christine Ostermann

Seit 40 Jahren leitet die heute 80-jährige die Backstubengalerie!

Kurzportrait aus der Reihe “Ölbergnachbarn”
von Thomas Seibel, 2014:

Direktlink

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Die Backstubengalerie

Die besondere Galerie für zeitgenössische Kunst.

1975 bis 2015 und weiter

Christine Ostermann betreibt seit über 30 Jahren mit herzlichem Gemüt diese geniale Galerie. Junge Kunst und Etabliertes, Nachdenkliches und Heiteres, jede Ausstellung ist einzigartig und individuell. Gerade die Menschlichkeit macht die Kunst zur Kunst.

Christine Ostermann

Etabliert hat sich der runde Kaffeetisch, immer mittwochs ab 16:00 Uhr.
Während laufender Ausstellungen sind Besucher herzlich eingeladen!

Die Backstubengalerie mit Schaufenster

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Irland mit Folgen

Wie die Backstubengalerie 1975 gegründet wurde
von Christine Ostermann

Anfang der siebziger Jahre wollten wir mit der ganzen Familie nach Irland. Zu der Zeit war die Insel alles andere als touristisch erschlossen. Es war schwer, für uns sechs Personen überhaupt ein Quartier zu bekommen. Schnell gewannen wir den Eindruck, die Iren lagen in tiefem Winterschlaf. Genau in dem Moment sahen wir ein Schild an der StraSe: »Wir sprechen deutsch.« Mein Mann fuhr den Weg hoch zu einem Haus, an das einige flache Etagen angebaut waren. Die Lage war wunderschön, direkt an einem Berg, und ein wilder Bach rauschte an der Außenwand zu Tal. Aus dem Flur trat ein junger Mann, den wir ansprachen, aber er verstand uns nicht und deutete auf das Haus. Da wir schon wieder aufgegeben hatten, uns in deutsch zu verständigen, begrüßten wir die Dame des Hauses in englisch. Sie stellte uns Fragen wegen des Aufenthaltes, und wir erzählten von den haushohen Wellen der irischen See, unseren Ängsten bei der Überfahrt und schließlich auch, daß wir aus Deutschland kamen. Da wurde Frau Notzel, so hieß unsere zukünftige Gastgeberin, ganz lebendig und rief: »Jetzt noch einmal alles in deutsch.« Schon wieder auf das falsche (Sprach-) Pferd gesetzt! Wir erzählten alles ein zweites Mal und bekamen ein »Flat« über dem jungen Mann zugewiesen, einem Musiker aus den USA mit Namen George.

»Verständigung« sollte das große Thema dieser Reise werden. Mit den Iren taten wir uns schwer, da sie unser Englisch nicht verstehen konnten oder wollten. Sie bemuhten sich auch nicht, ließen uns oft stehen und murmelten etwas wie »bloody Germans«. Gegen Ende unseres Urlaubs fragten wir Notzels, ob es in der Stadt ein Restaurant gäbe, in dem man den guten irischen Lachs genießen konnte. Sie empfahl uns eines, und mein Mann bestellte einen Tisch fur zwei Personen. George versprach auf die Kinder zu achten, die sich mit Hilfe ihres Schulenglisch angefreundet hatten. Wir bekamen ein vorzügliches Essen und fühlten uns rundum wohl in dem kleinen Restaurant. Die zumeist alteren Herren um uns herum tranken Portwein. Plötzlich stand einer von ihnen auf, kam an unseren Tisch und fragte, ob wir aus Deutschland kämen. Wir bejahten und wurden an ihren Tisch gebeten. Es waren Offiziere, die in der britischen Armee gedient hatten. Sie erzählten vom Krieg und der Besatzungszeit in Deutschland.

Auch ich erinnerte mich wieder an den Anfang der fünfziger Jahre. Heine Schulzeit war gerade zu Ende, die Rhine-Army in Mönchengladbach suchte junge Mädchen mit Englischkenntnissen. Im Schnellkurs wurden wir zu Telefonistinnen ausgebildet. Obwohl wir von den damaligen Besatzern recht distanziert behandelt wurden, freute ich mich, etwas Neues kennen zu lernen. Darüber sprach ich mit den ehemaligen Offizieren, und auch bei ihnen tauchten viele Erinnerungen auf. Einige sprachen sogar noch etwas Deutsch. Noch lange saßen wir fröhlich bei Portwein zusammen. Dann war die Zeit um, wir muSten an die Heimfahrt denken. Unser Sohn kam mit der Idee, George könnte doch eigentlich mit uns nach Deutschland kommen, da er lange genug in Irland sei. Kurzentschlossen nahmen wir ihn mit.

George bekam ein Zimmer in unserem Haus und konnte das Klavier im Wohnzimmer mit benutzen. Er liebte klassische Musik, komponierte aber auch eigene Stücke. Wir hatten nicht damit gerechnet, daß unser Nachbar sich durch die Musik gestört fühlen könnte. Er wurde recht aggressiv, und der Hausfrieden hing schief. Wir mußten eine andere Lösung finden. Nach einigem Suchen stießen wir in der Tageszeitung auf eine Anzeige, in der eine ehemalige Bäckerei mit Backstube und Gesellenschlafraum angeboten wurde. George fand die Raume herrlich, besonders die Backstube, die sich im Hinterhof befand. Was sollten wir mit den Verkaufsräumen machen? Da ich wieder angefangen hatte zu malen, beschlossen wir, die vorderen Raume für meine Arbeiten zu nutzen. Nachdem wir die Räume renoviert hatten, stellte ich eine Staffelei in den zweiten Raum, und in den vorderen meine fertigen Werke. Hinten übte George auf einem alten Klavier, das er fur 500 Mark erworben hatte. Es dauerte nicht lange, und die Nachbarn kamen. Ein Werbefotograf, der zwei Hauser weiter ein Atelier besaß, machte mir Mut, lobte nicht nur meine Bilder, sondern kaufte sogar ab und zu eines. Andere drückten sich die Nasen an den Schaufenstern platt, und ich forderte sie auf, hineinzukommen. Ganz nebenbei hatte ich einen neuen Ort der Verständigung geschaffen.

Das Atelier liegt auf dem sogenannten Ölberg, einem der Hügel, auf denen meine Heimatstadt Wuppertal erbaut ist. Er heißt so, weil hierals letztes die Ölbeleuchtung durch Gas ersetzt wurde. Die Straßen sind schmal, die Häuser stammen aus der Gründerzeit. Überhaupt scheint in diesem Viertel die Zeit stehengeblieben zu sein. Aber die Zusammensetzung der Anwohner hat sich geändert, viele sind im Lauf der Jahre weggezogen, geblieben sind vor allem alte Menschen. In den freigewordenen Wohnungen leben Türken, Italiener und Griechen. Fremde Gerüche und Laute kommen aus den Hausern. »Keine Gegend fur Galerien«, wurde ich gewarnt. Aber ich fand sie genau richtig. Die Kunst soll zu den Menschen und nicht in den Elfenbeinturm.

Es war eine Zeit, in der sich viele Menschen kreativ zu betätigen begannen. Damals hatte Josef Beuys, der in Dusseldorf an der Kunstakademie lehrte, propagiert: »Jeder Mensch ist ein Künstler.« In der Stadt entstanden viele Galerien, aber auf dem Ölberg nur eine. Ein Freund meines Sohnes, der inzwischen mit weiteren Freunden ein Kulturmagazin zusammenstellte, schrieb über meine Galerie einen Artikel und nannte sie »Backstubengalerie« . Diesen Namen hat sie bis heute behalten. Zu der Zeit war die Galerie noch geteilt: Hinten spielten die Musiker, vorne malte ich. Die Musiker froren standig, weil sie das Heizen nicht verstanden oder vergaßen. Oft kamen sie zu mir und wärmten sich bei einer Tasse Tee auf.

George war mittlerweile zurück ins sonnige Kalifornien geflogen, unsere Winter waren zu kalt für ihn. Aber das Klavier war noch da, und ich veranstaltete kleine Konzerte und Lesungen. In den achtziger Jahren wurde es immer schwerer, Käufer zu finden. Durch eine Bekannte erfuhr ich, daS der Caritasverband eine Frau fur die Bahnhofsmission suchte. Ich bewarb mich und wurde als Teilzeitkraft eingestellt. Mit Missionieren hatte die Arbeit nichts zu tun, im Gegenteil, ich lernte Menschen kennen, die nahe am Abgrund standen. Viel konnten wir nicht helfen, eine Ubernachtung, eine warme Suppe, ein Gesprach, Verständnis. Bei einigen hatten wir »Erfolg«, aber bei vielen war es vergeblich.

Mit der Zeit wurde ich zu einer Art Institution fur unbekannte Künstler. Mir bereitet es Freude, den Menschen Hoffnung zu geben und das Verstehen zu fördern. Heute bin ich im Rentenalter. Im Jahr 2000 feierte ich das 25jahrige Jubilaum der Backstubengalerie. Ich habe keinen finanziellen Gewinn gemacht, aber mein Leben ist durch die Begegnung mit den vielen unterschiedlichen Menschen reicher geworden.

Text von Christine Ostermann aus dem Buch “Deutschland, mein Land?” erschienen beim dtv.

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